Kaum ein Arbeitszeitmodell wird so leidenschaftlich diskutiert wie die Vier-Tage-Woche. Für die einen ist sie das Mittel gegen Fachkräftemangel und Erschöpfung, für die anderen ein Luxus, den sich die Wirtschaft in schwierigen Zeiten nicht leisten kann. Als Geschäftsführer brauchst du keine Ideologie, sondern belastbare Informationen. Diese Analyse zeigt dir die wichtigsten Modelle, die Ergebnisse der deutschen Pilotstudie, den rechtlichen Rahmen und einen Fahrplan, mit dem du das Modell in deinem Unternehmen prüfen kannst.
Was hinter der Vier-Tage-Woche steckt
Unter dem Begriff verbergen sich sehr unterschiedliche Konzepte. Wer über die Vier-Tage-Woche spricht, sollte deshalb zuerst klären, welches Modell gemeint ist. Die Unterschiede betreffen Arbeitszeit, Gehalt und Organisation.
Das 100-80-100-Modell
Dieses Modell stand im Mittelpunkt der internationalen Pilotprojekte. Die Beschäftigten erhalten 100 Prozent Gehalt für rund 80 Prozent der bisherigen Arbeitszeit und sagen im Gegenzug 100 Prozent der Leistung zu. Die Rechnung geht nur auf, wenn das Unternehmen Zeitfresser konsequent abbaut und Abläufe neu organisiert.
Die komprimierte Woche
Hier bleibt die Wochenarbeitszeit gleich, verteilt sich aber auf vier statt fünf Tage. Aus fünf Tagen mit acht Stunden werden vier Tage mit zehn Stunden. Für das Unternehmen ändern sich die Kosten kaum, für die Beschäftigten werden die Arbeitstage allerdings deutlich länger.
Die Vier-Tage-Woche in Teilzeit
Bei diesem Modell reduzieren Beschäftigte ihre Arbeitszeit, etwa auf 32 Stunden, und erhalten anteilig weniger Gehalt. Viele mittelständische Unternehmen praktizieren das längst, ohne es so zu nennen. Neu ist, dass manche Arbeitgeber die Option aktiv für ganze Teams anbieten.
Rollierende und teambasierte Modelle
Nicht alle haben am selben Tag frei. Teams verteilen die freien Tage so, dass Kunden und Produktion an fünf oder sechs Tagen versorgt sind. Das erfordert mehr Planung, macht die Vier-Tage-Woche aber auch für Service und Schichtbetrieb denkbar.
Ergebnisse der deutschen Pilotstudie zur Vier-Tage-Woche
Die wichtigste Datenquelle für Deutschland ist ein Pilotprojekt, das die Universität Münster wissenschaftlich begleitet hat. Initiiert wurde es von der Berliner Beratung Intraprenör gemeinsam mit der Non-Profit-Organisation 4 Day Week Global. Die Ergebnisse veröffentlichte die Universität im Oktober 2024.
Die zentralen Befunde im Überblick:
- Teilnehmer: 45 Organisationen unterschiedlicher Branchen testeten das Modell sechs Monate lang, offizieller Start war der 1. Februar 2024.
- Abbrüche: Zwei Organisationen stiegen vorzeitig aus, beide größere Unternehmen, mit Verweis auf wirtschaftliche Herausforderungen oder fehlende interne Unterstützung.
- Fortführung: Mehr als 70 Prozent der Organisationen wollten weitermachen, entweder mit verlängertem Test oder dauerhafter Einführung.
- Modellwahl: 85 Prozent gaben einen freien Tag pro Woche, fest oder rotierend. 60 Prozent wandten das Modell auf die gesamte Belegschaft an.
- Gesundheit: Die Beschäftigten berichteten von signifikant besserer psychischer und körperlicher Gesundheit, weniger Stress und weniger Burnout-Symptomen. Fitnesstracker zeigten mehr Bewegung und rund 38 Minuten mehr Schlaf pro Woche als in der Kontrollgruppe.
- Wirtschaftliche Kennzahlen: Umsatz und Gewinn stiegen leicht, allerdings nicht signifikant im Vergleich zum Vorjahr. Selbsteinschätzungen deuteten auf eine höhere Produktivität hin.
- Krankentage: Sie gingen leicht zurück, der Rückgang war aber statistisch nicht signifikant.
Die Studie liefert damit ein differenziertes Bild. Sie zeigt deutliche Effekte auf Wohlbefinden und Gesundheit, aber keinen Beweis für einen wirtschaftlichen Durchbruch. Beachte außerdem, dass sich die Unternehmen freiwillig gemeldet haben und eher zu den Organisationen gehörten, die dem Modell offen gegenüberstanden.
Für dich heißt das: Die Vier-Tage-Woche ist kein Selbstläufer, aber auch kein wirtschaftliches Harakiri. Ob sie funktioniert, hängt davon ab, wie gut du die Arbeit organisierst.
Der rechtliche Rahmen
Eine Vier-Tage-Woche lässt sich in Deutschland rechtlich umsetzen, aber nicht ohne Sorgfalt. Diese Punkte solltest du mit deiner Rechtsberatung klären, bevor du startest.
Arbeitszeitgesetz
Nach § 3 Arbeitszeitgesetz darf die werktägliche Arbeitszeit acht Stunden nicht überschreiten. Sie kann auf bis zu zehn Stunden verlängert werden, wenn innerhalb von sechs Kalendermonaten oder 24 Wochen im Durchschnitt acht Stunden werktäglich nicht überschritten werden. Da der Samstag als Werktag zählt, ist eine komprimierte Woche mit vier Zehn-Stunden-Tagen grundsätzlich möglich, lässt aber kaum Spielraum für Überstunden.
Die Bundesregierung arbeitet an einer Reform des Arbeitszeitgesetzes, die unter anderem eine wöchentliche statt einer täglichen Höchstarbeitszeit sowie eine elektronische Arbeitszeiterfassung vorsieht. Bei Redaktionsschluss lag dazu ein Entwurf vor, eine Verabschiedung stand noch aus. Prüfe daher vor der Einführung den aktuellen Stand.
Urlaubsanspruch
Der gesetzliche Mindesturlaub beträgt nach § 3 Bundesurlaubsgesetz 24 Werktage, bezogen auf eine Sechs-Tage-Woche. Bei vier Arbeitstagen pro Woche rechnest du den Anspruch anteilig um: 24 geteilt durch 6 mal 4 ergibt 16 Arbeitstage. Vertragliche Mehrurlaubstage rechnest du nach derselben Logik um. Aus 30 Tagen bei einer Fünf-Tage-Woche werden so 24 Tage.
Teilzeitanspruch und Mitbestimmung
Unabhängig von einem unternehmensweiten Modell können Beschäftigte nach § 8 Teilzeit- und Befristungsgesetz eine Verringerung ihrer Arbeitszeit verlangen. Voraussetzung ist ein Arbeitsverhältnis von mehr als sechs Monaten in einem Betrieb mit mehr als 15 Beschäftigten. Der Arbeitgeber kann nur aus betrieblichen Gründen ablehnen.
Gibt es einen Betriebsrat, hat er bei Beginn und Ende der täglichen Arbeitszeit und der Verteilung auf die Wochentage ein Mitbestimmungsrecht. Binde ihn deshalb von Anfang an ein. Halte außerdem alle Änderungen schriftlich fest, etwa per Betriebsvereinbarung oder Vertragszusatz, und regle, ob und wie die Pilotphase beendet werden kann.
Für welche Unternehmen eignet sich die Vier-Tage-Woche?
Die ehrliche Antwort lautet: Es kommt auf die Art der Arbeit an. In Wissensberufen mit vielen Meetings, E-Mails und Abstimmungen steckt oft großes Effizienzpotenzial. In der Produktion, im Handel oder in der Pflege ist Arbeitszeit dagegen eng an Präsenz gekoppelt.
Gute Voraussetzungen hast du, wenn diese Punkte zutreffen:
- Die Arbeit lässt sich an Ergebnissen messen, nicht nur an Anwesenheit.
- Es gibt erkennbare Zeitfresser wie lange Meetings, Medienbrüche oder Doppelarbeit.
- Teams können sich gegenseitig vertreten, und Wissen ist nicht auf Einzelne konzentriert.
- Die Führungskräfte stehen hinter dem Vorhaben und führen über Ziele.
- Kunden akzeptieren klar kommunizierte Erreichbarkeitszeiten.
Auch im Schichtbetrieb ist ein freier Tag mehr möglich, meist aber nur mit zusätzlichem Personal oder in Form der komprimierten Woche. Ein Metallbetrieb mit 120 Beschäftigten könnte zum Beispiel in der Verwaltung das 100-80-100-Modell testen und in der Fertigung eine Schichtplanung mit längeren Tagen und mehr freien Tagen anbieten. Entscheidend ist, dass die Belegschaft die Unterschiede als fair empfindet.
Was das Modell kostet
Rechne vor dem Start ehrlich durch, was ein freier Tag mehr wirtschaftlich bedeutet. Beim 100-80-100-Modell bleiben die Personalkosten gleich, während die verfügbare Arbeitszeit sinkt. Die Lücke muss durch effizientere Abläufe, weniger Krankentage oder geringere Fluktuation geschlossen werden.
Stelle deshalb drei Szenarien auf: Was passiert, wenn die Produktivität gleich bleibt, leicht sinkt oder steigt? Berücksichtige auch mögliche Einsparungen, etwa bei Recruiting- und Einarbeitungskosten, wenn weniger Menschen kündigen. In Bereichen mit fester Präsenzpflicht kann zusätzliches Personal nötig werden. Diese Kosten gehören von Anfang an in die Kalkulation, damit der Pilot nicht nach drei Monaten am Budget scheitert.

Die Vier-Tage-Woche einführen: sieben Schritte
Die Unternehmen, die mit dem Modell erfolgreich sind, haben es nicht über Nacht eingeführt. Sie haben getestet, gemessen und nachjustiert. Dieser Fahrplan hilft dir dabei:
- Ziel klären: Willst du Fachkräfte gewinnen, Krankenstand senken oder Produktivität steigern? Das Ziel bestimmt Modell und Erfolgskriterien.
- Kennzahlen festlegen: Miss vor dem Start Umsatz, Liefertreue, Kundenzufriedenheit, Krankentage, Überstunden und Fluktuation. Nur so kannst du später vergleichen.
- Modell wählen: Entscheide, ob du Arbeitszeit reduzierst oder komprimierst, ob der freie Tag fest oder rollierend ist und welche Bereiche teilnehmen.
- Arbeit entrümpeln: Lass die Teams selbst Zeitfresser identifizieren. Meist beginnt das bei Besprechungen, die sich mit wenigen Regeln zu effizienten Meetings umbauen lassen.
- Erreichbarkeit regeln: Lege fest, wie Kunden und Lieferanten an allen Tagen einen Ansprechpartner finden und wie Vertretungen funktionieren.
- Pilot starten: Teste das Modell sechs bis zwölf Monate in einem oder mehreren Bereichen, mit klarer Vereinbarung über Dauer und Ausstiegsoptionen.
- Auswerten und entscheiden: Vergleiche die Kennzahlen mit den Ausgangswerten, hole Feedback von Team und Kunden ein und entscheide transparent über Fortführung, Anpassung oder Abbruch.
Ziele für den Pilot lassen sich gut mit einem Rahmen wie OKR formulieren. So bleibt der Fokus auf Ergebnissen, und alle wissen, woran der Erfolg gemessen wird.
Typische Stolpersteine und wie du sie vermeidest
Die Vier-Tage-Woche scheitert selten an der Idee, sondern an der Umsetzung. Diese Fehler solltest du kennen:
- Arbeitsverdichtung: Wer fünf Tage Arbeit unverändert in vier Tage presst, erzeugt Stress statt Erholung. Ohne Prozessveränderung kippen die Gesundheitseffekte schnell ins Gegenteil.
- Unklare Erreichbarkeit: Wenn Kunden am freien Tag niemanden erreichen, leidet das Geschäft. Vertretungsregeln sind Pflicht.
- Gefühlte Ungerechtigkeit: Wenn nur die Verwaltung profitiert, sinkt die Stimmung in der Produktion. Suche für jeden Bereich eine passende Form von Flexibilität.
- Fehlende Messung: Ohne Ausgangswerte bleibt jede Auswertung Bauchgefühl.
- Kein Rückweg: Wer das Modell sofort unbefristet einführt, kann kaum nachsteuern.
Achte während des Pilots besonders auf Signale von Überlastung. Wie du Belastung im Team erkennst und gegensteuerst, beschreibt unser Beitrag über gesundheitsorientierte Führung. Regelmäßige kurze Befragungen zeigen dir früh, ob das Modell entlastet oder zusätzlichen Druck erzeugt.

Vier-Tage-Woche im Mittelstand: Das Wichtigste für Entscheider
Die Vier-Tage-Woche ist kein Allheilmittel, aber ein ernst zu nehmendes Instrument im Wettbewerb um Fachkräfte. Die deutsche Pilotstudie zeigt deutliche Verbesserungen bei Gesundheit und Zufriedenheit und keine wirtschaftlichen Einbrüche, allerdings auch keinen statistisch belegten Produktivitätssprung. Viele Erkenntnisse lassen sich auch dann nutzen, wenn du das Modell am Ende nicht einführst: Wer Zeitfresser abbaut und über Ergebnisse führt, gewinnt in jedem Arbeitszeitmodell.
Deine nächsten Schritte:
- Kläre, welches Problem die Vier-Tage-Woche für dich lösen soll.
- Prüfe Arbeitszeitgesetz, Urlaubsrecht und Mitbestimmung mit deiner Rechtsberatung.
- Erhebe Ausgangskennzahlen und starte einen befristeten Pilot in einem geeigneten Bereich.
- Nutze das Modell als Argument in der Mitarbeiterbindung und im Recruiting, aber versprich nur, was du halten kannst.
Flexible Arbeitszeit ist einer von mehreren Hebeln, um Fachkräfte zu binden. Ob es am Ende vier Tage werden, mehr Gleitzeit oder planbare Schichten, entscheidest du am besten gemeinsam mit deinem Team.
Häufige Fragen zur Vier-Tage-Woche
Ist die Vier-Tage-Woche in Deutschland erlaubt?
Ja. Das Arbeitszeitgesetz erlaubt bis zu zehn Stunden pro Werktag, wenn im Durchschnitt von sechs Monaten oder 24 Wochen acht Stunden pro Werktag nicht überschritten werden. Eine Vier-Tage-Woche mit reduzierter oder komprimierter Arbeitszeit lässt sich daher umsetzen. Gibt es einen Betriebsrat, muss er bei der Verteilung der Arbeitszeit mitbestimmen.
Was hat die deutsche Pilotstudie zur Vier-Tage-Woche ergeben?
In dem von der Universität Münster begleiteten Pilotprojekt testeten 45 Organisationen das Modell sechs Monate lang. Mehr als 70 Prozent wollten danach weitermachen. Die Beschäftigten berichteten von besserer Gesundheit und weniger Stress, während Umsatz und Gewinn leicht, aber nicht signifikant stiegen.
Wie viel Urlaub steht bei einer Vier-Tage-Woche zu?
Der gesetzliche Mindesturlaub von 24 Werktagen bezieht sich auf eine Sechs-Tage-Woche. Bei vier Arbeitstagen ergibt sich ein gesetzlicher Anspruch von 16 Arbeitstagen. Vertraglicher Mehrurlaub wird nach derselben Logik umgerechnet, aus 30 Tagen bei fünf Arbeitstagen werden 24 Tage.
Bekommen Beschäftigte bei der Vier-Tage-Woche weniger Gehalt?
Das hängt vom Modell ab. Beim 100-80-100-Modell bleibt das Gehalt trotz reduzierter Arbeitszeit gleich. Bei der komprimierten Woche bleibt die Arbeitszeit gleich und damit auch das Gehalt. Bei einer Vier-Tage-Woche in Teilzeit sinkt das Gehalt anteilig.
Eignet sich die Vier-Tage-Woche für Produktion und Schichtbetrieb?
Grundsätzlich ja, allerdings meist in anderer Form als im Büro. Häufig kommen komprimierte Wochen mit längeren Schichten oder rollierende Modelle infrage, die zusätzliches Personal oder eine angepasste Schichtplanung erfordern. Ein befristeter Pilot zeigt am besten, was in deinem Betrieb funktioniert.






